Auf einen Blick
- Gemäss einer Umfrage ist die Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin (TKIM) in Deutschland beliebt und wird häufig genutzt.
- Die Mehrheit bevorzugt einen integrativen oder komplementären Ansatz in der Medizin. Eine alternative Anwendung von TKIM-Methoden ist weniger beliebt.
- Die Befragten sprachen sich für mehr Forschung und eine Übernahme der Kosten für TKIM-Leistungen aus.
Hintergrund
In Deutschland ist die Traditionelle, Komplementäre und Integrative Medizin – kurz TKIM – weit verbreitet und hat eine lange Tradition. Frühere Umfragen von 2004 und 2014 zeigen, dass zwei Drittel der Bevölkerung bereits mindestens einmal eine TKIM-Methode angewendet haben [1, 2]. Zur aktuellen Nutzung der TKIM gibt es nur wenige Zahlen. Auch ist offen, wie bekannt die TKIM in der Bevölkerung ist und wie sie dazu eingestellt ist.
In der Integrativen Medizin werden konventionelle und komplementärmedizinische Behandlungen synergistisch kombiniert. Dabei steht der ganze Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Zusätzlich gibt es in Deutschland die sogenannte Naturheilkunde. Diese nutzt natürliche Mittel, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren, und umfasst ein breites Spektrum an Behandlungsformen, wie z.B. die Kneipp-Therapie [3].
Ziel der Studie
Das Ziel der Studie war es, die aktuelle Nutzung und die Einstellung gegenüber der TKIM in der Bevölkerung in Deutschland zu untersuchen.
Ablauf der Studie
Insgesamt nahmen 4‘065 Personen im Alter zwischen 18 und 75 Jahren an der Umfrage teil. Die Teilnehmenden waren im Schnitt 49 Jahre alt (+/- 16 Jahre) und es nahmen etwa gleich viele Männer wie Frauen teil. Die Umfrage wurde 2022 online unter Beteiligung von drei renommierten deutschen Marktforschungsinstituten durchgeführt.
Die Teilnehmenden beantworteten verschiedene Fragen zur Nutzung der TKIM und zur Einstellung gegenüber der TKIM. Die Fragen wurden in einem schrittweisen Prozess zusammen mit TKIM-ExpertenInnen entwickelt. Darunter waren auch Fachleute von Universitäten aus dem deutschsprachigen Raum.
Ergebnisse
- Siebzig Prozent der Befragten hatten irgendwann einmal TKIM genutzt und ein Drittel der Befragten hatte sie in den letzten zwölf Monaten angewendet. Zum Zeitpunkt der Umfrage nutzte knapp ein Fünftel die TKIM täglich bis monatlich. Die Befragten verwendeten die TKIM am häufigsten bei muskuloskelettalen Beschwerden wie Rückenschmerzen, gefolgt von Allergien und Kopfschmerzen.
- Die Befragten halten die Anwendung der TKIM für optimal, wenn sie ergänzend (35 %) oder integrativ (33 %) eingesetzt wird. Weniger als fünf Prozent betrachten die TKIM als eine sinnvolle Alternative zur konventionellen Medizin.
- Die Einstellung gegenüber der TKIM war mehrheitlich positiv; 50 % der Befragten hatten eine positive Meinung zur Naturheilkunde, 41 % zur Integrativen Medizin und 35 % zur Komplementärmedizin. Ein Viertel der Befragten hatte eine positive Einstellung zur Alternativmedizin, während ein weiteres Viertel sie negativ bis sehr negativ beurteilte. Im Vergleich wurde die Naturheilkunde, die Integrative Medizin und die Komplementärmedizin der TKIM jeweils von fünf bis sieben Prozent der Befragten negativ bewertet.
- Mehr als 70 % der Teilnehmenden sprachen sich für mehr Forschung im Bereich der TKIM aus. Knapp 70 % waren der Meinung, dass die Kosten für TKIM-Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden sollten.
Kommentar
Die Studie zeigt, dass die TKIM in Deutschland weit verbreitet und beliebt ist. Auch in der Schweiz nutzt nahezu ein Drittel der Bevölkerung die TKIM [4]. Weltweit erfährt die TKIM zunehmende Anerkennung und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktiv gefördert [5]. Mit der „Strategie für traditionelle Medizin 2014-2023“ [6], an der bis 2034 weitergearbeitet wird, soll die Integration sicherer und wirksamer Methoden der TKIM in das Gesundheitssystem gefördert werden.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch, dass die Mehrheit der Befragten einen komplementären oder integrativen Ansatz als sinnvoll erachtet. Alternative Anwendungen der TKIM sind hingegen weniger beliebt und werden teils negativ wahrgenommen. Diese Ansichten stehen im Einklang mit den Zielen der WHO, die darauf abzielt, die Anerkennung und Integration traditioneller Medizin zu fördern. Zudem betonen die Ergebnisse die Notwendigkeit, die TKIM in der deutschen Gesundheitspolitik stärker zu berücksichtigen und ihre Methoden wissenschaftlich zu untersuchen.
Stärken und Schwächen der Studie
Eine Stärke der Studie ist die Durchführung mittels Computer Assisted Web Interviews (CAWI). CAWI ermöglicht es, Teilnehmende anonym zu rekrutieren und Umfragen orts- und zeitunabhängig durchzuführen. Für die Studie spricht auch, dass die AutorInnen die Umfrage extern in Auftrag gegeben haben. Dadurch konnten mögliche Verzerrungen aufgrund ihrer eigenen Meinung verringert werden.
Ein Kritikpunkt ist die eher niedrige Rücklaufquote von 21,5 %. Das bedeutet, dass ungefähr ein Fünftel der eingeladenen Personen auf die Einladung geantwortet hat. Bei Online-Umfragen gilt eine Rücklaufquote von über 30 % als gut. Zudem ist es möglich, dass ein grundsätzliches Interesse oder Desinteresse gegenüber der TKIM die Bereitschaft zur Teilnahme und somit die Ergebnisse beeinflusst haben könnte.
Fazit
Die TKIM scheint in Deutschland mehrheitlich positiv wahrgenommen zu werden. Ein wesentlicher Teil der Bevölkerung nutzt die TKIM für ihre Gesundheit. Eine verstärkte Aufklärung über den integrativen Ansatz der TKIM sowie zusätzliche Forschung könnten dazu beitragen, die TKIM im deutschen Gesundheitssystem stärker zu integrieren.
Referenz zur Studie: Jeitler M, et al. Use and acceptance of traditional, complementary and integrative medicine in Germany - an online representative cross-sectional study. Frontiers in Medicine 2024;11:1372924.
Link zur Studie: https://doi.org/10.3389/fmed.2024.137292
Referenzen
- Härtel U, Volger E. Use and acceptance of classical natural and alternative medicine in Germany-findings of a representative population-based survey. Forschende Komplementär-medizin und klassische Naturheilkunde. 2004;11(6):327-34.
- Linde K, Alscher A, Friedrichs C, Joos S, Schneider A. The use of complementary and alternative therapies in Germany - a systematic review of Nationwide surveys. Forsch Komplementmed. 2014;21:111–8.
- Volger E, Brinkhaus B. Kursbuch Naturheilverfahren. München: Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017.
- Meier-Girard D, Lüthi E, Rodondi PY, Wolf U. Prevalence, specific and non-specific determinants of complementary medicine use in Switzerland: Data from the 2017 Swiss Health Survey. PLoS One. 2022;17(9):e0274334.
- Hoenders R., et al. A review of the WHO strategy on traditional, complementary, and integrative medicine from the perspective of academic consortia for integrative medicine and health. Frontiers in Medicine 2024;11:e1395698.
- World Health Organization (WHO). WHO traditional medicine strategy: 2014-2023. WHO; 2013 (Zugriff: 23. Juli 2024). https://www.who.int/publications/i/item/9789241506096